Von Hand. Schriftzüge durch Liechtenstein

26. September 2020
Europäischer Tag der Sprachen

Der Europäische Tag der Sprachen (EDL) findet jedes Jahr am 26. September statt. Aus diesem Anlass werden in allen Mitgliedsstaaten des Europarates Veranstaltungen zur Förderung der Sprachenvielfalt organisiert.

Der Europäische Tag der Sprachen ist auch eine Gelegenheit, die Vielfalt der Schrift im Allgemeinen und der Handschrift im Besonderen zu feiern. Denn zur Sprache gehört die Schrift. Diese uralte Kulturtechnik droht im digitalen Zeitalter immer mehr verloren zu gehen.

Die von Jens Dittmar herausgegebene Publikation mit dem Titel "Von Hand. Schriftzüge durch Liechtenstein" macht es sich zur Aufgabe, die Handschrift zu dokumentieren, bevor sie ganz verschwindet. Die Sammlung wirft ein Schlaglicht auf die hiesige Literaturszene und dient zugleich als Speicher für die "schöne digitale Welt" (Bernhard Pörksen). Darüber hinaus geht sie der Frage nach, wann aus der Linie Schrift und später sogar Zeichnung wird.

Viele der hier versammelten Autorinnen und Autoren sind Mitglieder des Liechtensteiner Autorenverbands IG Wort. Sie alle eint, dass sie ihre Handschrift – ob flüchtig oder krumm, schwungvoll oder akkurat, schnörkellos oder formvollendet – als Ausdruck ihrer Persönlichkeit begreifen.

Vom Verlust der Schnürlischrift

Für viele bedeutet Erziehung, Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, also am Anfang ihrer Entwicklung. Das klingt zunächst einmal vernünftig. Im ungünstigsten Fall hat es zur Folge, dass Eltern und Pädagogen selbst auf dem Stand ihrer Zöglinge verharren. Dann diskutieren sie mit ihnen über Computerspiele oder dergleichen Firelfanz, anstatt das Gehirn ihrer Lieblinge mit Schreibübungen zu trainieren. So überrascht es nicht, dass nur noch Profis zu wissen scheinen, was die Bezeichnungen 2H, H, HB, B oder 2B auf Bleistiften zu bedeuten haben.

In Zeiten, da immer weniger von Hand geschrieben wird, empfiehlt die Erziehungsdirektorenkonferenz der Schweiz, die sogenannte Schnürlischrift abzuschaffen und durch die teilverbundene Schweizer Basisschrift zu ersetzen. Die Idee eines zweistufigen Schreib-Erwerbs basiert auf der Annahme, dass unsere Kinder die zuerst erlernten Druckbuchstaben im Lauf der Zeit in Schreibschrift verwandeln. Mit dieser Empfehlung leisten die Erziehungsberechtigten einer Entwicklung Vorschub, die im Computerzeitalter kaum aufzuhalten ist. Sie bringt aber eine Reihe von Verlusten mit sich, und – was noch wichtiger ist – sie unterwirft sich dem wolkigen Zeitgeist, der allem Neuen vorbehaltlos zujubelt und dem Pathos der Innovation huldigt, die nicht weiter hinterfragt wird.

Ein Loblied auf die persönliche Handschrift

Jetzt schon ist ganz Helvetien von Smartphones, Tablets und der Idee des zweistufigen Schreib-Erwerbs besetzt. – Ganz Helvetien? Nein! Es gibt ein paar Unbeugsame im Land, die beharrlich Widerstand leisten und an der Handschrift festhalten, ohne dabei die Vorzüge der Digitalisierung zu verschmähen. Auch wenn ihnen der PC vertraut ist, greifen sie hin und wieder zum Bleistift, Kugelschreiber oder Füller. Die Rede ist von denen, die schreiben. Diese sind bekanntlich meist individualistisch geprägt. Deshalb legen sie Wert auf ihr Schriftbild. Ob Druckschrift oder Verbundschrift, Geheimschrift oder Bilderschrift, Kurzschrift oder Spiegelschrift – immer pflegen sie ihre charakteristische Handschrift mit der ihr eigenen Ästhetik.

Die beteiligten Autorinnen und Autoren
Adam Glinski, Anita Grüneis, Anna Ospelt, Anton Beck, Armin Öhri, Barbara Büchel, Brigitte Hasler, Christiani Wetter, Christine Glinski-Kaufmann, Daniel Batliner, Dietmar Näscher, Evi Kliemand, Hans Jörg Rheinberger, Hansjörg Quaderer, Herbert Hilbe, Isabel Wanger, Jens Dittmar, Manfred Naescher, Mathias Ospelt, Mirjam Beijer-Studer, Nancy Barouk-Hasler, Patrick Kaufmann, Regina Marxer, Ronnie Vogt, Roswitha Schädler, Sabine Bockmühl, Sabrina Vogt, Stefan Sprenger und Walter Nigg.
Mit einer Einleitung des Herausgebers unter dem Titel "Wo endet die Schrift? Wo beginnt die Zeichnung? Wo die Poesie?"

Bibliographie
Jens Dittmar (Hrsg.): Von Hand. Schriftzüge durch Liechtenstein.
144 Seiten, zahlreiche vierfarbige Abbildungen und Faksimiles.
Hohenems: Bucher Verlag 2020. Ca. 25.00 CHF
ISBN 978-3-99018-551-3